die alte Dame auf der Parkbank

Schon lange bin ich nicht mehr in meinem „alten Park“ in Lankwitz spazieren gewesen. Der Gemeindepark hat mit mir schon so einiges „durch“. Als kleines Kind schoben mich meine Eltern durch den Park, später schob ich mein Kind durch den Park. Jahre später – schob ich mich im wahrsten Sinne des Wortes selbst durch den Park.

Wie oft wir doch hier gewesen sind. Ich liebte es als Kind, die Rehe zu füttern, die Schafe anzuschauen und die bunte Pracht der Vögel in der Voliere zu bestaunen. Ganz zu schweigen von dem Abenteuerspielplatz und der Rollschuhbahn (früher jedenfalls).

Fast täglich bin ich während meiner Krebsphase hier gewesen und habe mit mir und meinem Körper gekämpft. Nach jeder Chemo zwang ich mich laufen zu gehen. Ich glaube ich habe mit den Bäumen, Tieren und den Enten gesprochen und oftmals geweint und geflucht – da mein Körper und meine Kraft mich so oft verließ. Man könnte meinen, ich kenne hier jeden Winkel des Parks.

Nun sind es über drei Jahre her, dass ich hier gewesen bin. Was sich doch alles ändert in dieser Zeit. Die öffentliche Toilette ist weg, der Spielplatz ist neu gemacht und sieht richtig klasse aus.

Am Teich war ein Gehege mit Tieren, die Pfauen – sind verschwunden. Aber irgendwie hat es was. Jetzt hat man einen richtig schönen Blick zum Teich. Ein Rasen wurde angelegt und zum Wasser ein wenig mit Steinen aufgeschüttet. Es wirkt beruhigend. Man könnte glatt ein wenig auf dem Rasen verweilen.

Es ist relativ leer heute, ich sehe niemanden, nur eine alte Dame, die alleine auf einer Parkbank sitzt. Sie lächelt mir zu.

Das ist selten, dass jemand einen überhaupt anlächelt – ich lächel dankbar zurück, gehe in ihre Richtung und erwidere ihr Lächeln mit einem Satz…..

„Hier hat sich ja eine Menge verändert!“

Das war der Anfang eines wundervollen Gespräches mit einer Dame, die 1929 geboren wurde.

Sie bat mir einen Platz neben sich an. Ich sah ihr das hohe Alter überhaupt nicht an.  Sicher, sie war schon älter. Doch ich konnte kaum glauben, dass sie kurz vor dem 90. Lebensjahr sein sollte.

Wir waren zwei Fremde in einem Park, auf einer Parkbank, die sich vertraut unterhielten. Und ich hatte das Gefühl, sie schon ewig zu kennen.

Ich fühlte mich wohl neben ihr.

So erfuhr ich, dass sie drei Töchter hat. Ihr Mann lebte nicht mehr. Politik interessiert sie überhaupt nicht. Sehr liebevoll sprach sie über jede einzelne Tochter, deren Sternzeichen und welche Eigenschaften sie mit sich brachten und wie und wo sie heute lebten. Probleme, schnitt sie leicht an. Nichts, was ich mit meinen etwas über 50 nicht auch kennen würde. Und ihr sicherlich auch.

Überall dieselben Probleme, stelle ich leise für mich selbst fest. Wir sprachen über dies und das und vor allem über das Leben. Sie war so zeitnah, wenn ihr wisst was ich meine.

Wir sprachen über die Generation „Handy“ und wie traurig, wir das beide fanden, dass niemand mehr da ist, wo er gerade ist. Sie erzählte mir, dass sie sogar noch oft mit dem Fahrrad unterwegs ist. Leider hat sie etwas Probleme mit ihren Händen, die Arthritis hat Einzug genommen. Doch es war kein Jammern, wie man es oftmals von alten Leuten her kennt.

Sie war so gut gelaunt, so entspannt. Sie ruhte in sich, das spürte ich recht schnell.

Früher war sie OP-Schwester und verriet mir, dass sie eigentlich immer Architektin sein wollte. Na, das war sie dann irgendwie dann auch. Zu Hause und während ihrer Ehe war sie diejenige, die alle handwerklichen Arbeiten übernommen hatte. Sie scheint noch heute stolz darauf zu sein, alles selbst „anpacken“ zu können.

Da sind meine handwerklichen Fähigkeiten schon ganz schön eingeschränkt, erzähle ich ihr, und dass ich zur Entschuldigung den Männern erkläre, dass ich „dem Mann“ ja schließlich irgendetwas „männliches“ übrig lassen muss. ….. und wir beide müssen herzhaft lachen. 

Wir sprachen über das Klima in Deutschland und wie sich das Wetter doch ändert. „Berlin hat ein tolles Klima, ich komme eigentlich aus der Gegend um Hamburg. Für uns alte Leute ist das Klima in Berlin herrlich, findet sie.

Ich persönlich würde gerne lieber am Meer wohnen oder in den Bergen, verriet ich ihr.

Wir sprechen über den Zusammenhalt von Familien, auch ich plaudere aus dem Nähkästchen. Vieles hat sich verändert, findet sie. Die Familie ist nicht mehr so stark wie früher. Der Zusammenhalt fehlt. Doch dann hält sie inne und korrigiert sich. „Wissen Sie, als unser Haus zerstört wurde, fiel der Zusammenhalt unserer Familie auch auseinander. Das fällt mir gerade so auf, da wir uns jetzt darüber unterhalten.“

Eine andere Dame kommt in unsere Richtung, offensichtlich hat sie meine alte Dame auf der Parkbank schon länger gesucht. „Schön, dass ich sie endlich treffe, ich möchte Ihnen etwas geben“…

Das war der Moment, an dem ich mich verabschiedete. Doch nicht ohne noch eine für mich unheimlich wichtige Frage zu stellen. „Was ist Ihr Geheimnis? Sie wirken auf mich so positiv, ziemlich agil und fit im Kopf…

Sie lacht und weiß, was ich meine: „Das kann ich Ihnen gerne verraten – Bleiben Sie neugierig, wissbegierig und aktiv ….das hält jung!

Dann geben wir uns die Hände zum Abschied ….und sie sagt….“…Und bleiben Sie so herzlich und offen, wie ich sie ebend erlebt habe….“

Ich muss lächeln und mir wird ganz warm ums Herz. Mit einem nachdenklichem Gesicht laufe ich weiter zu der schönen Mini-Golfanlage im Gemeindepark, denn eigentlich war ich hier mit dem Chef zum „Quatschen“ verabredet.

Nun hatte ich mich ganz schön verspätet, aber eine tolle Ausrede und eine schöne Geschichte in der Tasche, die ich ihm weitergab und nunmehr an Euch weiterreiche.

Was ich für mich mitgenommen habe:

Diese alte Dame hat in mit ihren fast 90 Jahren sicherlich schon eine ganze Menge erlebt, doch sie trug die Last ihres Lebens nicht mit sich. Jedenfalls vermittelte sie mir diesen Eindruck. Sie war im Park und genoß den Augenblick und das wundervolle Wetter.

Ja, hin und wieder sei sie alleine, erzählte sie mir. Doch das würde sie nicht stören. Sie ist gerne für sich und wenn sie im Park ist, redet immer jemand mit ihr.

Das Foto stammt von pixabay/tlcdesignstudio

 

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